Just words
Nachdenkliches

Worte, Bilder, Emotionen.

Mitte der 90er habe ich mit dem Chatten auch die Welt der Emoticons entdeckt.
Damals war ich mit Freunden in IRC-Chats unterwegs und lernte die kleinen Zeichen schnell zu schätzen. Oft ging doch die Schnelligkeit und flapsige Art dieser Kommunikation mit Missverständnissen und Fehleinschätzungen einher. Ein einfaches Smiley am Ende eines Satzes konnte so einen anscheinend zu scharfen Ton relativieren, ein Augenzwinkern einen ironischen Unterton ohne sprachliche Nuancen demonstrieren und auch Bedauern und Mitgefühl konnte problemlos und mit wenigen Zeichen ausgedrückt werden.

Auch wenn die breite Masse damals noch nicht gechattet oder im großen Stil SMS verschickt hat, waren Emoticons und gewisse Kürzel hilfreich für eine schnellere digitale Kommunikation ohne auf sprachlichen Witz, Ironie, Sarkasmus etc. verzichten zu müssen.

Heute frage ich mich, wie sich die Menschen auf schriftlichem Weg eigentlich vor dieser Zeit emotional erklärt haben. Mir kommt immer mehr der Gedanke, dass sich vielleicht einfach mehr Mühe gegeben wurde sich eindeutig auszudrücken.

Gleichzeitig ist es auch eine Angewohnheit, die mir ebenso an mir selbst auffällt, da ich kaum einen schriftlichen Satz beenden kann ohne ein :) anzuhängen. Ich könnte mich damit rausreden, dass ich auch „in Echt“ meistens lache oder lächle, aber mal ehrlich: Bin ich sprachlich so faul geworden? Muss ich wirklich alles vorsorglich mit einem Lächeln relativeren. Beschwichtigen? Ist ja alles nur Spiel? Alles gar nicht ernst?

Es ist so weit, dass ich mich zwinge „mal“ keinen Smiley anzuhängen. Einen Satz so zu schreiben, dass deutlich ist, was ich sagen will und wie es gemeint ist.

Nun ist es so, dass sich das ganze Schriftbild in Chats weiter verändert hat. Sind die Verbindung von Satzzeichen, wie z.B. ;) :) :D B) 8) :-) :( :(( :P @—>, noch weniger aufgefallen, wird das Bild heute von hauptsächlich gelben Bildchen geprägt, die aneinander gehängt teilweise Worte oder ganze Sätze verdrängen. Ich muss gestehen, dass ich die Teile nicht so recht ausstehen kann. Gehen wir wirklich zurück in die Ära der Bildergeschichten? Ist das jetzt der Stil internationaler Kommunikation? Ist es womöglich etwas Gutes, da es jeder verstehen kann? Höhlenmalereien sind schließlich auch eine faszinierende Art des Ausdrucks, haben Jahrhunderte überdauert und bis heute ist verständlich was damals erzählt und festgehalten werden sollte.

Mir dagegen fehlt immer häufiger eine schriftliche Sprache, die von solidem Ausdruck, klaren Sätzen, Meinungen und Wortwitz geprägt ist und ohne gelbe Gesichter, lustige Affen, tanzende Männchen auskommt.

Wenn mir jemand etwas schreibt und dahinter einen Affen setzt, der sich erschrocken den Mund zuhält, weiß ich genau was das heißt. Aber ich wünsche mir derweil, dass mir Menschen schreiben was sie schreiben wollen und dazu stehen oder es einfach lassen. Es wird nicht besser, wenn durch ein „affiges“ Bildchen deutlich gemacht wird, dass „man sowas wohl nicht sagt“, es zu frech, zu dreist oder einfach nur nicht nett gewesen sein könnte. Eine zeitlang hat mich der „Typ“ mit dem Herzchen-Kussmund schon fast aggressiv gemacht. Seit wann ist es eigentlich üblich jedem einen Kuss zu geben, der auch mit „Gefühl“ (=Herz?) versehen wird. Für mich war ein rotes Herz immer ein Ausdruck von Verliebtsein oder Liebe, was anfangs dazu führte, dass ich bzgl. des einen oder anderen zwischenmenschlichen Kontakts überlegt habe, ob ich bzgl. der betreffenden „Beziehung“ etwas falsch verstanden haben könnte. Inzwischen ist es mir egal und ich weiß die Bedeutung einzuschätzen, einfach weil es Standard geworden ist.

Obwohl ich im gewissen Maße bestimmt nichts dagegen habe, aber diese Masse! Es reicht ja nicht nur ein Tränen lachender kleiner gelber Typ, nein, es müssen fünf oder noch mehr sein. Oder drei laut lachende und drei mit Tränen… oder noch besser: Erst einer der die Augen aufreißt und dann welche, die lachen. Frei nach dem Motto: Viel hilft viel. Ich selbst stelle mir oft vieles bildlich vor und muss mich daher fragen, wie dies in direkter Kommunikation aussehen würde. Denn mal ehrlich: Wie oft siehst Du Menschen in „echt“ Tränen lachen? Und wie sähe es erst aus, wenn jemand fünffach Tränen lacht? Daher meine aufmüpfige Frage: Reicht nicht ein tränenlachendes Männchen? Geht nicht angeblich der Trend eher in Richtung „Weniger ist mehr“?

Mich jedenfalls haben die Bildchen inzwischen schon so weit abgestumpft, dass sie einfach zur Kommunikation gehören und ich mir kaum mehr Gedanken mache, was der Sender mit einer vollen Reihe Bildergeschichte eventuell ausdrücken wollte. An diesen Stellen muss ich mich vielleicht fragen, ob ich spießig bin, wenn mir so etwas auf die Nerven fällt.

Jedenfalls erinnern mich die mich erreichenden Nachrichten inzwischen häufig auf den ersten Blick an Kinderbücher: Lustig bunt mit jeder Menge „süßer“ Bildchen.

In Skype habe ich letztens eine kleine Mini-Video-Botschaft in Form eines Film-Ausschnitts erhalten. Da wird es dann doch gleich noch tiefgründiger… Was will mir die Person durch die Blume ähm also durch den Filmschnipsel (Moji?) sagen? Ist ein tieferer Sinn versteckt oder geschah der Versand nur, weil der Ausschnitt so witzig ist? Könnte ich vielleicht sogar eine besonders wichtige (versteckte) Botschaft versäumen, wenn ich nicht genau aufpasse? Ich bin inzwischen unschlüssig, ob die „Analyse“ und Interpretation mancher Botschaften nun einfacher wird oder schwieriger. Sitzen heute Freundinnen vorm Handy und diskutieren die diversen Möglichkeiten der Auslegung von Auswahl und Kombination der sich in der Botschaft des Schwarms befindlichen Emoticons?

Spannend finde ich das Thema zumindest allemal und natürlich möchte ich kein langweiliger Spielverderber sein und schon gar nicht dagegen wettern. Aber ganz ehrlich: Ich persönlich fände es wunderbar, wenn die Nutzung zumindest teilweise wieder bewusster würde, dass Emoticons wieder mehr so eingesetzt würden, wie es mal „vorgesehen“ war. Dass mir dann das Symbol wieder etwas mitteilt und nicht nur Standard-Beigabe des Schriftbildes ist.

Vielleicht kannst Du über meine Gedanken nur den Kopf schütteln, weil es nun wirklich wichtigere Probleme und Themen gibt, aber vielleicht wird Dir bei der nächsten WhatsApp, SMS, E-Mail usw. bewusster wie oft Du tatsächlich selbst Smileys setzt und warum.

Aus Gewohnheit? Um zu relativieren? Um das Gesagte freundlicher erscheinen zu lassen? Um symbolisch und ohne viel Text auszudrücken, wie Du etwas empfindest? Geht es Dir vielleicht wie mir und empfindest Du – mehr oder weniger unbewusst – ein bisschen mehr Tiefgang des schriftlichen Ausdrucks an manchen Stellen und bzgl. mancher Themen auch als Wertschätzung des Kommunikationspartners? Oder ist das in Deinen Augen völliger Schwachsinn?

Ich mag es gerne mich in kleinen Alltagsdingen zu hinterfragen und mir bewusst zu machen, warum ich etwas tue und vielleicht achtest Du selbst mal darauf und erzählst mir von Deinen Erkenntnissen? Vielleicht hast Du sogar auch Lust auf einen kleinen Selbstversuch und versuchst es mal einen Chat, eine Stunde oder sogar einen Tag ohne? Ich bin gespannt was dabei herauskommt. Lass es mich wissen!

In diesem Sinne: ?

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3 Kommentare

  • Reply Christof 8. Februar 2016 at 19:54

    Hallo Christin,

    vielen Dank für diesen klugen Artikel und die Inspiration!

    Ich habe mir vorgenommen, ab sofort bei jedem Smiley und Emoticon kurz zu überlegen, ob dieser einen Mehrwert zum Geschriebenen bringt. Wenn ich schreibe, dass ich ein Bier trinken gehe, kann ich evtl. auf ein Bierglas-Emoticon verzichten.

    Vielleicht sollte ich mir gleich überlegen, ob es den Adressaten überhaupt interessiert, dass ich ein Bier trinken geht. Insgesamt betrachtet plappern wir zu viel.

    Liebe Grüße aus Franken

    Christof

  • Christin
    Reply Christin 8. Februar 2016 at 20:39

    Danke Christof. Musste gerade herzlich und laut über Deinen Kommentar lachen. Wäre fast sogar einen tränenlachenden Smiley wert! Bin begeistert, dass Du „mitmachst“. Aber nebenbei: Die Information des Bier trinken Gehens (wie schreibt man das denn richtig??) kann durchaus wichtig sein, denn eventuell kann sich der Empfänger Deiner Nachricht noch anschließen und die direkte Kommunikation ist doch eh die schönste. In diesem Sinne: Prost (funktioniert auch ohne Symbol).

  • Reply Christof 10. Februar 2016 at 15:24

    Du hast recht! Die Info, dass man ein Bier trinken geht ist wichtig – hier in Franken sowieso!

    Ich würde „des Biertrinkengehens“ schreiben. Es heißt ja auch „des Fernsehschauens“ (aber „Fernseh schauen“).

    Smileyfreie (schreibt man das so?) Grüße

    Christof

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